Station II: Das Herz-Sūtra

Sutren Der ehrwürdige Bodhisattva Avalokiteshvara, tief versunken im Reinen Gewahrsein, sah klar, dass alle fünf Skandhas leer sind verwandelte so jegliches Leid und jeglichen Schmerz.
Shariputra – Form ist nichts anderes als Leere und Leere nichts anderes als Form; Form ist identisch mit Leere und Leere identisch mit Form; Empfindung, Denken, Impulse, Bewusstsein – sie alle sind nichts anderes als ebendies.
Shariputra, aller Dinge Kennzeichen ist die Leere – sie werden nicht geboren, nicht zerstört, nicht befleckt und nicht gereinigt, sie gewinnen nichts, sie verlieren nichts.
Deshalb gibt es in der Leere weder Form noch Empfindung, noch Denken, Impulse, Bewusstsein; weder Augen noch Ohren, noch Nase, Zunge, Körper, Geist; weder Farbe noch Klang, noch Geschmack, noch Berührung, noch einen Gegenstand des Denkens; weder einen Bereich des Sehens noch einen Bereich des Denkens; weder Unwissenheit noch ein Ende der Unwissenheit, weder Alter noch Tod, aber auch kein Ende des Alterns und des Sterbens; kein Leiden, keine Ursache des Leidens, kein Erlöschen, keinen Weg; keine Weisheit, keine Erleuchtung. Da es nichts zu erlangen gibt, leben die Bodhisattvas Prajnaparamita, und kein Hindernis ist in ihrem Geist. Kein Hindernis, keine Furcht.
Jenseits allen selbsttäuschenden Denkens erlangen sie vollständiges Nirvana.
Alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Buddhas leben Prajnaparamita und erlangen so die höchste Erleuchtung.
Wisse daher, dass Prajnaparamita das höchste Mantra ist, das Weisheitsmantra, das unübertroffene Mantra, das höchste Mantra, das alles Leid vollständig auslöscht.
Das ist die Wahrheit, die Wahrheit ohne Fehl.
Lass daher das Prajnaparamita-Mantra ertönen, lass dies Mantra erklingen und sprich: Gate, gate, paragate, parasamgate, bodhi svaha!

Sutren stellen die elementarsten Texte des Buddhismus dar. Nicht umsonst leitet sich der Name von der Webtechnik ab – Sūtra bedeutet im Sanskrit: Leitfaden. Alle Sutren stammen von einem Buddha oder Bodhisattva, häufig werden auch die Umstände reflektierend erzählt, unter denen die Lehre, die vermittelt wird, gefunden und gepredigt wurde.
Das Herz-Sūtra zählt zu den wichtigsten Texten des japanischen Buddhismus und hat als spiritueller Wegweiser auch seinen Weg in den Westen gefunden. Sein Inhalt ist gleichzeitig nihilistisch wie positiv befreiend – es verkündet die Leerheit aller Phänomene, ein Nicht-Anhaften, dass die Ursache aller Leiden auflöst. Somit formuliert es ein Paradox: Es gibt keine Leiden, keine Erlösung, keinen guten Weg – und gerade deshalb ist die Überwindung dieses Leidens möglich. Vielfach gilt das Herz-Sūtra darum auch als Essenz der Lehren Buddhas.
Auch in der japanischen Pilgerfahrt hat das Sūtra eine zentrale Stellung. Das Abschreiben von Sutren gilt als verdienstvolle Handlung, führt es doch zu einer tieferen Einsicht in die Lehren dieser Verse, lenkt die Aufmerksamkeit auf den Wortlaut und letztlich den Sinn des Sūtras. In allen Tempeln entlang den Routen finden sich deshalb Opferkästen für die von den Pilger_innen aufgeschriebenen und schließlich als Opfergabe dargebrachten Sutren.

(Photo: Sūtra-Spenden-Register eines Pilgers aus der Ausstellung)


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