Station IV: Der japanische Film

Wer an den japanischen Film denkt, hat zunächst vielleicht vor Augen: Godzilla. Dann: Animes, mal als populärer internationaler Hit (wie die Verfilmung des Videospiels Pokémon), mal als poetisches, wenngleich ebenso erfolgreiches modernes Märchen wie Prinzessin Mononoke. Ebenso großer Beliebtheit erfreut sich seit den 1990er Jahren der J-Horror mit Filmen wie Ringu (für den westlichen Markt wiederverfilmt als Ring) oder Uzumaki. Übersehen wird hingegen oft, dass der japanische Film in den letzten Jahrzehnten auch viele künstlerische Erfolge vorweisen konnte, mit Blicken auf eine atemlose, sich selbst entfremdende Gesellschaft auf Festivals wie Venedig oder Cannes Preise kassierte – im letzten Jahr wurde Nokan – Die Kunst des Ausklang von Yōjirō Takita mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet, ein Film, der das gesellschaftliche Tabuthema Tod als sanfte Komödie angeht und nicht zuletzt der verschwindenden buddhistischen Tradition der rituellen Totenwaschung ein Denkmal setzt.
In den internationalen Filmkanon, in die Liga der Großen, haben es allerdings nur zwei Regisseure geschafft – was wohl auch daran liegen mag, dass sich japanische Filmästhetik von den westlichen Sehgewohnheiten doch deutlich absetzt. Vor allem in der europäischen Szene, unter den Autorenfilmern von Fassbinder bis in die Nouvelle Vague hinein, ist der filmische Minimalismus Yasujiro Ozus von großem Einfluss. Ozus Filme, vor allem seit den 1950ern, programmatisch betitelt etwa Der Geschmack von grünem Tee oder Sommerblüten, sind Beobachtungen des japanischen Alltags, wo Tradition und Moderne hart aufeinandertreffen. Ihr langsamer Erzählrhythmus betont die leisesten Nuancen.
Die bekannteste Figur ist aber sicherlich Akira Kurosawa. Kurosawa, geboren 1910, schaffte 1950 mit Rashomon einen Meilenstein: In mythischer Vergangenheit treffen sich unter dem Rashōmon, einem Tor der alten Kaiserstadt Kyoto, in einem Unwetter ein Mönch, ein Bürger und ein Holzfäller. Mönch und Holzfäller waren zuvor Zeugen vor Gericht. Das Verbrechen: Eine Frau wurde von einem Banditen vergewaltigt, ihr Mann, ein Samurai stirbt durch einen Schwertstoß. Alle Beteiligten (der Samurai durch ein Medium) berichten dort vom Tathergang. Doch hat jede_r seine eigene Version, die sich erheblich von der der anderen unterscheidet, und jede Version versucht, die Ehre des Aussagenden zu wahren. Die Verschachtelung der Erzählebenen, das diskursive Spiel mit den Wahrheiten geben dem Film eine philosophische wie filmische Tiefe, die in der westlichen Wahrnehmung immer von konstruktivistischen Gedanken geprägt war. Die nachhaltige Wirkung, die diese radikale filmische Hinterfragung von objektiver Realität hatte, lässt sich vielleicht auch daran aufzeigen, dass der Einfluss persönlicher Interessen auf die Wahrnehmung von Realität heute in der Psychologie auch als Rashomon-Effekt bekannt ist.

Photos: Oben Plakat zu Nokan – Die Kunst des Ausklangs (2008), unten ein Filmstill aus Rashomon (1950)


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