
Für westliche Beobachter_innen mag es paradox erscheinen, dass Pilgern zu Fuß im buddhistischen Verständnis den gleichen „spirituellen Erlös“ bringt wie das Pilgern mit dem Auto, dem Bus oder gar einem gechartertem Hubschrauber. Unwillkürlich assoziiert man: Echtes, authentisches Pilgern auf der einen; halbherzige, touristische Pflichterfüllung auf der anderen Seite – zu unrecht, wie etwa Ian Reader in seinem Standartwerk zur Shikoku-Pilgerfahrt, Making Pilgrimages (2005), herausarbeitet. Ebenso mag es Kopfschütteln auslösen, dass es entlang der Strecken wie auch lokal davon unabhängig Miniaturpilgerwege gibt, die nach dem in der japanischen Religion häufig angewendeten Prinzip der stellvertretenden Abkürzung funktionieren. Wer also nicht die Zeit, das Geld oder die Möglichkeiten hat, den oftmals mehrere hundert Kilometer langen Routen zu folgen, kann dies symbolisch auch in wenigen Stunden tun.
In der Regel umfassen diese Miniaturpilgerwege 33 bzw. 88 Steinfiguren oder Stelen, die jeweils eine Station der Route repräsentieren, allerdings sind auch andere Symboliken zu finden, etwa Säckchen mit Erde vom Gelände des jeweiligen Tempels. Auch wenn die Rituale nicht immer die gleichen sind, ist der Modus, bei jeder Station symbolisch eine Münze zu hinterlegen, wohl der verbreitetste.
Im japanischen Shintoismus findet sich noch eine Sonderform dieser Miniaturwege – die Tempelrundgänge zu den sieben Glücksgöttern. Diese sind, anders als die Miniaturausgaben der Shikoku- und Kannon-Wege, eigenständige Routen, die mehrere Tempel auf engerem Raum, häufig innerhalb einer Stadt, verbinden und leicht im Laufe eines Tages abgegangen werden können. Dabei sind diese Rundgänge nicht auf sieben Stationen beschränkt – oftmals sind den Haupttempeln noch zwei zusätzliche angehängt, um die besonders glücksbringende Gesamtzahl neun zu erreichen.
(Photo: Broschüren und Karten verschiedener Routen zu den Sieben Glücksgöttern)